Pfarrkirche St. Martin

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Die älteste, historisch und kunstgeschichtlich interessanteste Kirche in der Pfarrei St. Martin Euskirchen ist die Pfarrkirche St. Martin. Ihre ehemaligen „Mitkonkurrentinnen“ verfielen, wurden säkularisiert oder im Kriege zerstört. Dies waren:
• die St.-Georg-Kirche an der Kommerner Straße, vor 1160 erbaut, 1819 wegen Baufälligkeit abgebrochen;
• die als innerstädtische Filiale der Georgskirche urkundlich 1427 belegte Antoniuskapelle in der Kapellenstraße, die 1804 säkularisiert und 1823 auf Abbruch verkauft wurde;
• die Klosterkirche der Kapuziner, die 1684 im Bereich der Klosterstraße (heute C&A) erbaut und 1944 durch Bomben zerstört wurde.
Unter dem Pfarrer von St. Martin, Dechant Stollmann, ging 1908/09 die Herz-Jesu-Kirche zunächst als Filialkirche hervor, die dann 1924 zur Pfarrkirche erhoben wurde. Aus Herz-Jesu ging 1941 das Pfarrrektorat St. Matthias hervor, das 1960 selbständige Rektoratspfarre wurde
 
Die Ursprünge von St. Martin reichen in die merowingische Zeit um 750 n.Chr. Eine erste urkundliche Erwähnung der Martinskirche im Zusammenhang mit der Siedlung „Augstchirche“ findet sich 870 im Vertrag von Meersen, als die Teilung des Karolingerreiches festgeschrieben wurde. Schon vor der Verleihung der Stadtrechte an Euskirchen im Jahre 1302 konnte die Pfarre 1190 die Erhebung zur selbständigen Pfarrgemeinde im damaligen Dekanat Zülpich feiern.
Der Ursprungsbau dürfte die Form einer Saalkirche mit rechteckigem Chorabschluss gehabt haben und damit ungefähr den Maßen des heutigen Mittelschiffes einschließlich des Turmuntergeschosses entsprechen. Als anfängliche grundherrliche Eigenkirche grenzte sie an den im Norden gelegenen fränkischen Friedhof unter dem heutigen Annaturmplatz.
Ob die Saalkirche in ihren Anfängen eine Holzkirche gewesen ist, lässt sich nach heutigem Forschungsstand nicht belegen. Die ältesten erhaltenen Bauteile gehören der Romanik an. Es sind: das Untergeschoss des Turmes, das Mittelschiff bis zum Wandgesims; der Außenbau des Langhauses mit seinen Lisenen und Rundbogenfriesen als romanischem Bauschmuck. Es war eine dreijochige (Pfeiler-) Kirche mit geostetem Chor und Westturm.
Schon vor der Stadtrechtsverleihung an das neu entstandene Gemeinwesen Euskirchen im Jahre 1302 muss sich abgezeichnet haben, dass die Pfarrkirche räumlich zu klein für die anwachsende Zahl der Gläubigen war. Die erste Erweiterung geschah gegen Ende des 13. Jahrhunderts durch die Verlängerung des Chorabschlusses um ein Joch, die Bildung eines fünfseitigen neuen Chorabschlusses sowie den Anbau eines rechteckigen Joches im Norden in Höhe des dritten Mittelschiffjoches, alles im Stil der Gotik. Anfang des 14. Jahrhunderts errichtete man als Pendant zum Nordchor einen Südchor. Die Kirche hatte jetzt eine Kreuzesform. Nach fast 100-jähriger Unterbrechung setzte eine zweite Ausbauphase 1434 ein, deren Ergebnis das südliche Seitenschiff war. Die Jahreszahl im Süd-Portal „1o34“ geht auf den Brauch zurück, mit einer „halben 8“ die Vier zu kennzeichnen. Es folgte der Bau des nördlichen Seitenschiffes, das um 1485 vollendet wurde. Jetzt entsprach die Kirche im Aussehen dem Basilika-Typ. Die Kirche erhielt im Mittelschiff ein spätgotisches Netzgratgewölbe. Um 1490 wurde der Turm um ein Stockwerk erhöht. In dieser letzten Bauphase wurde das südliche Seitenschiff dann nochmals nach Westen hin um zwei Joche verlängert. Fast 500 Jahre blieb die Gestalt der Kirche unverändert. Erst 1881 wurde der Turm mit einem gotisierenden Westportal neu gestaltet, das im Tympanon Christus als Weltenrichter darstellt. Das Portal des südlichen Seitenschiffes erhielt eine Vorhalle mit anders angeordnetem Eingang. 1939 wurde das nördliche Seitenschiff um die Taufkapelle nach Westen hin verlängert. Seit dem Erdbeben im Jahre 1951 wurde das Innere der Kirche mehrfach erneuert, zuletzt im Jahre 2001.
 
Um die Wende zum 20. Jahrhundert kamen Pläne auf, die Kirche in Nord-Süd-Richtung zu erweitern, weil das Raumangebot für die gestiegene Zahl der Gläubigen nicht mehr ausreichte. Diese Pläne wurden nicht mehr weiterverfolgt, als man sich zum Bau einer neuen Kirche (Herz-Jesu) entschloss.
 
Innenausstattung - liturgisches Konzept
Vom Ursprung her ist die St.-Martin-Kirche auf ein Hingehen vom dunklen Westen des Turmportals zum Altare Gottes im lichtspendenden Osten angelegt. Somit ist der Hauptaltar in der Chorapsis auch das Zentrum der Liturgie. Die beiden Seitenschiffe mit ihren ursprünglichen Nebenaltären und den in den vergangenen Jahrhunderten vorhandenen insgesamt sieben Altären waren Ausdruck spezieller Frömmigkeit und Stiftungen und dokumentierten den Reichtum der Pfarrgemeinde. So verwundert es nicht, dass St. Martin in allen Bereichen der sakralen Kunst Bedeutendes und für das Rheinland z.T. Einmaliges aufzuweisen hat.
 
Steinbildwerke
 
Der Taufstein aus Namurer Blaustein ist das älteste Ausstattungsstück der Kirche und stammt aus der Zeit der Pfarrwerdung um 1190. Die Schale wird von vier kleinen Säulen und einem Mittelzylinder getragen. Die Steinschnitte zeigen Eckköpfe mit Löwen und Drachen, denen man atropäischen Charakter zusprach. Die Taufkapelle selbst ist in ihrer Ausstattung ganz auf das Sakrament abgestimmt.
Das Sakramentshaus aus französischem Kalkstein geht auf die Zeit um 1500 zurück. Auf einem Löwensockel erhebt sich der hochrechteckige Schrein, der von einem reich verzierten Kielbogenbaldachin mit darunter liegenden Darstellungen aus der Endphase des Leben Jesu überfangen wird und in einem pelikanbekrönten Turmbaldachin ausläuft.
 
Grabplatte und Epitaph des Heinrich von Binsfeld um 1580 bzw. 1595. Heinrich von Binsfeld, gestorben 1576, und seine Gemahlin Elisabeth von der Horst, gestorben 1595 waren Besitzer der Burg Kessenich bei Euskirchen. Seine religiöse Jugendprägung hatte der spätere jülicher herzogliche Rat, Marschall und Amtmann von Blankenberg in der St.-Martin-Kirche erfahren. Schon zu Lebzeiten wurde er als „vir valde humanus“ sowie als „vir pius et bonus catholicus“ bezeichnet.
 
 
Madonnen-Stele aus Lahnsteinmarmor, von dem Künstler Hein Gernot, Köln, 1972 geschaffen, ersetzt den ehemaligen dreiteiligen Marienaltar mit den Figuren des hl. Sebastian (links), der Muttergottes mit dem Christusknaben (Mitte) und St. Matthias (rechts). Die in einen faltenreichen Mantel gehüllte Mondsichelmadonna wird Riemenschneider zugeschrieben; sie entstand um 1500. Das Christuskind steht auf ihrem Arm.
Die Befreiung Petri aus dem Kerker, entstanden im 15. Jahrhundert, ist vermutlich im Zusammenhang mit dem ehemaligen Petrusaltar zu sehen.
 
Holzbildwerke:
Der Antwerpener Hochalter entstand um 1510 in der Kunstwerkstatt Adrian van Overbeck. Er ist nicht mehr in seiner Originalfassung erhalten, da bei einer Umgestaltung dieser ursprüngliche Annenaltar mit Teilen des Petrusaltares 1807 vereint und um 1862-64 von dem Kölner Künstler Friedrich Mengelberg neu gestaltet wurde. Zentrales Bildfeld ist heute die Darstellung der heiligen Sippe mit Maria als Mittelpunkt, darunter sieht man die Vermählung Josefs mit Maria. Im linken Bildfeld sind der Tempelgang Mariens und im rechten die Almosenverteilung durch die Eltern Marias, Joachim und Anna dargestellt. Auf der dreiteiligen Predella stehen in den beiden Figurennischen der hl. Jakobus der Ältere und der Evangelist Johannes. Die ursprünglichen Seitenflügel dieses und des Petrusaltares waren 1817 an den Kunstsammler Freiherr von Haxthausen veräußert worden. Die jetzigen Flügelfelder zeigen den hl. Antonius und einen Heiligen in Rüstung sowie den heiligen Martin neben Maria mit dem Jesuskind (linker Flügel) und die heilige Anna neben dem heiligen Georg.
Fragmente des ehemaligen Petrusaltars zeigen mariologische Motive: die Verkündigung, die Weihnachtsszene mit der Hirtenanbetung und die Anbetung der Könige. Diese Fragmente nehmen die Stelle des ehemaligen dreiteiligen neugotischen Herz-Jesu-Altars ein, dessen linkes Feld die Abendmahlsszene, dessen rechtes Feld die Kreuzigungsszene (Kalvarienberg) darstellte, während die Mitte die jetzt am Turmpfeiler des südlichen Seitenschiffes aufgestellte Herz-Jesu-Figur von 1899 einnahm.
 
Der heutige Zelebrations-Altar ist die umgearbeitete ehemalige Kanzel von 1877. Auf der Vorderseite sind es die Evangelisten Markus und Matthäus, an den Seiten Lukas und Johannes. Das Ambo entstand durch den Umbau einer Donatus-Konsole. Das siebensitzige Chorgestühl rechts stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und weist z.T. figuralen Schmuck auf. Die linke Seite wurde 1903 symmetrisch nachgebaut.
 
Statuen:
Von kunstgeschichtlicher Bedeutung sind überwiegend die Statuen an den Mittelschiffpfeilern.
Die sogenannte Euskirchener Madonna, eine Pieta-Darstellung, stammt aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Mit ihr stehen an den Pfeilern der linken Seite die heilige Gertrud als Erinnerung an die inkorporierte ehemalige Kessenicher Gertrudis-Kapelle und der heilige Donatus, der zweite Patron der Pfarre. An den Pfeilern der rechten Seite stehen: St. Sebastianus, der Patron der ältesten Schützengilde der Stadt, der heilige Josef mit Jesuskind, St. Martin im Bischofsornat. Donatus und Martinus haben zudem je eine Statue an der Außenseite des Turmportals und je ein Buntglasfenster im Vorraum des Südportals. St. Martin als Reiter zu Pferd ziert zudem die Spitze des 75 Meter hohen Kirchturms. Ferner sind in der Kirche aufgestellt: die ehemalige Zentralfigur des Herz-Jesu-Altares und die Fatima-Madonna, die Eigentum der portugiesischen Gemeinde ist.
Aufmerksam gemacht werden soll noch auf die acht Konsolfiguren im Obergaden, überwiegend Darstellungen von Aposteln, und die drei Schlusssteine des Mittelschiffes, die in ihrer Abfolge Davidstern, bärtiger Kopf (Christus ?), Muttergottes im Strahlenkranz ein theologisches Programm enthalten.
 
Mittelalterliches Vortragekreuz
 
Im August 2003 tauchte aus dmartinkreuzem Sakristeischrank der katholischen Pfarrkirche St. Martin in Euskirchen ein Vortragkreuz mit Corpus auf, dessen Zustand und unansehnliche Fassung die Entfernung aus dem Kirchenraum, wohl schon vor Jahrzehnten, zur Folge gehabt hatte. Es ist dem Engagement und der Aufmerksamkeit von Franz Georg Schaeben, Kirchenvorstandsmitglied von St. Martin, zu verdanken, dass das bereits unter Clemen inventarisierte, jedoch in Vergessenheit geratene Bildwerk im Zuge eines Ortstermins Martin Seidler vom Generalvikariat des Erzbistum Köln und Marc Peez, LVR – Amt für Denkmalpflege zur Begutachtung vorgelegt werden konnte, Es folgte eine Überbringung in die Amtswerkstatt, wo eine erste Untersuchung stattfand.
Das Bildwerk konnte genauer datiert und ins Münsterland verortet werden. Es reihte sich hier in eine Gruppe von Kruzifixen ein, deren Entstehung um 1290 anzunehmen ist. Eine höchst bemerkenswerte und erfreuliche (Wieder)-Entdeckung. Im Zuge der Untersuchung ließ sich belegen, dass Astkreuz und Corpus, beides in Eichenholz gefertigt, in ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit überkommen sind, Auch stellte die mit der restauratorischen Bearbeitung betraute Restauratorin fest, dass drei mittelalterliche Fassungen, hierunter die ursprünglich, erhalten sind, gefolgt von vier nachmittelalterlichen Schichten. Während die beiden ersten Überfassungen qualitätvoll und in Anlehnung an die Erstfassung ausgeführt wurden, folgten sodann einfache und wenig aussagekräftige, deren zeitliche Einordnung aufgrund fehlender Anhaltspunkte nicht gelang.
Mit der Viertfassung verschwand die für die Aussage des Stücks wichtige Auffassung des Astkreuzes als saftgrüner, neues Leben spendender Baum; an Stelle des hellen Grüns trat ein dunkles Blaugrün. Somit fiel die Entscheidung verhältnismäßig leicht, die Freilegung auf die wohl spätmittelalterliche Drittfassung zu beschließen. Deren Anlehnung an die Erstfassung äußert sich beim Corpus vor allem in der Vergoldung des Lendentuchs, beim Astkreuz in der hellgrünen, leuchtenden Farbigkeit mit zinnoberroten Astauswüchsen. Hierdurch wird die Einheit von plastischer Form und Farbfassung eindrücklich wieder erreicht, wenn auch nicht in ihrer ursprünglichen, sondern spätmittelalterlichen Ausprägung.
Teile der Hände des Gekreuzigten waren in der Vergangenheit äußerst primitiv und somit entstellend hinzugefügt worden. Diese Zutaten wurden in Anlehnung an die erhaltenen Vergleichsbeispiele schnitzerisch qualitätvoller ergänzt. Auch hier schien es unangemessen, die Ergänzungen mit dem Argument der lückenlosen Ablesbarkeit der Geschichte des Werkes zu belassen.
Corpus und Kreuz erlangen vor allem durch die Festlegung wieder eine außergewöhnliche Qualität und auch eine im liturgischen Kontext verankerte Aussage, nämlich die den durch den Kreuzestod Christi neu erwachsenden Lebens. Durch die vorzüglich erhaltenen Fassungen beider Bildwerkteile und die Zugehörigkeit konnte ein bedeutendes Zeugnis mittelalterlicher Kunst Westfalens im Rheinland zurück gewonnen werden.
Quelle: Marc Peez, Skulpturrestaurierung in der Denkmalpflege
 
 
 
Sonstiges:
Von geschichtlicher Bedeutung ist das Ölgemälde der Kreuzabnahme, das um 1600 entstand und im Hintergrund die Burg Aremberg darstellt.
Die bronzenen Kreuzwegstationen stammen von Egino Weinert, Köln, und wurden 1978 angefertigt. Die zusätzliche XV. Station zeigt die Auferstehung.
Die Orgel ist eine der klangschönsten des Rheinlandes, mit 2 Manualen zu je 10 Registern sowie 8 Register im Pedal. Im Kern stammt sie von 1717, wurde 1856 erweitert, 1953 restauriert (Erdbebenschäden) und 1976 nochmals erweitert und wieder auf die barocke Klangvorstellung nach der Romantisierung zurückgeführt.
Das Geläut ist harmonisch abgestimmt und umfasst acht Glocken:
- Johannesglocke = Replikatguß 2005 der alten Johannesglocke, gen. die "Brömsch", ersetzt die Leihglocke von 1700, dem Martinus geweiht.
- Große Anna-Glocke, 1520
- Herrenglocke, 1335
- Martinusglocke 2005 (Neuguß), ersetzt die Leihglocke von 1663, dem Donatus geweiht
- Aveglocke, 1409
- Katharina-Glocke, 1520 
- Genoveva-Glocke, 1520
- Kleine Anna-Glocke, 1513
Eine Aufnahme des Glockengeläutes wurde bei youtube.de eingestellt: >>>>>>
 
Wichtige sakrale Gerätschaften, wie z.B. Werke der Goldschmiedekunst, kostbare Handschriften (Missale), liturgische Gewänder usw. können in der neu eingerichteten Schatzkammer, die am 11.04.2013 eingeweiht wurde, besichtigt werden. Gruppenführungen sind nach Anmeldung im Pastoralbüro vereinbar.
Hingewiesen sei noch im Außenbereich auf die Sonnenuhr neben dem Südportal, einen im Strebepfeiler vermauerten Matronenstein und das an der Stadtmauer auf dem alten Kirchhof stehende Grabdenkmal des guten Hirten, eine Erinnerung an den Dechanten Vogt (1836 – 1865), der 1855 das Marienhospital auf dem Gelände des ehemaligen Kapuzinerklosters stiftete und damit eine großartige soziale Tat für die Kreisstadt vollzog.

Text: Hans Helmut Wiskirchen